Funkrichtung 010 mit Straußberg (Wostok) ...

In den ersten Monaten war ich in einer Schicht mit unseren EK's, den Entlassungs-kandidaten im dritten Ausbildungshalbjahr. Sie akzeptierten mich als 008- Funker und behandelten mich auch so. Ich konnte mich also nicht beschweren. Einmal im Monat gab es, so glaube ich, die Maßnahme "Führung über Funk". Was das für den Fuchsbau im Einzelnen bedeutete konnten wir nur ahnen. Für die Funkzentrale hieß das, dass alle Funknetze während dieses Zeitraums zu besetzen waren, auch die beiden Sprechfunknetze 403 und 404, die sonst nur maximal 30 Minuten am Tag liefen. Dazu kam noch das FuN 100 mit der GSSD Wünsdorf (Wimpel). Vor März 1985 lief das FuN 001 für uns nur zeitweise, auch zu solchen Anlässen. Die Benachrichtigung lief wie folgt ab:

 

 

Das Funkempfangsnetz 019 wurde vom Wachleiter bzw. dessen Gehilfen und vom 008- Funker überwacht. Irgendwann wurde die Wostokschleife, die in Form von 2 Zeichen rund um die Uhr lief, unterbrochen. Es folgte 15 x das Zeichen "V" (ditditditda) und danach im Tempo 12 Gruppen pro Minute, (also 60 Zeichen in der Minute) ein Dienstsignal an unser Rufzeichen als AR (also wieder zweimal, ohne Quittung). Dieses Signal bedeutete: „Nehmen sie Funkbetrieb im Funknetz 001 auf, Frequenz lfd. Nr. 0815.“ Die lfd. Nr. 027 weiß ich noch, als ob es gestern war: 3483 kHz. Der 008- Funker wechselte zum 001 Platz, der freie 008- Funker übernahm die 008. Auf der 001 wurden wir nach einiger Zeit gerufen. Es folgten die Verbindungsaufnahme, der Austausch der Hörbarkeiten und ein Rundspruch. Danach warten. In dieser Zeit kam der nächste Funker (wenn noch einer da war). Dann meldete sich Wostok wieder über die 001: „Nehmen sie Funkbetrieb auf in Funkrichtung 010,  Frequenz lfd. Nr. 0000". Eine Funkrichtung bestand aus einer Haupt- und einer Unterfunkstelle. Der Funker der 001 ging an die 010, der zweite 008- Funker ging an die 001 und der Reservefunker besetzte die 008. In dieser Situation hatte der Reservefunker manchmal 3 Netze, die 008, 371 und 381 zu betreuen, wobei hier die Sprüche aus Moskau und Minsk "Vorfahrt" hatten. An der 008 waren wir ja Hauptfunkstelle und konnten Sprüche ohne Dringlichkeit zeitlich etwas verschieben. An der 010 hieß es dann wieder warten. In einer Funkrichtung konnten nach Verbindungsaufnahme und bei guten Hörbarkeiten die Rufzeichen entfallen. Das ging dann so: "Trennung habe Spruch kommen“, „Trennung bin bereit kommen.“ In der Funkrichtung 010 wurde absolut nach Dienstvorschrift gearbeitet. Wenn man das System aber verstanden hatte, war das kein Problem. Es kamen alle möglichen Spielereien zum Einsatz. Verbindungsaufnahme in Telegrafie, Sprüche und Signale in Telegrafie, danach Übergang auf Sprechfunk, Spruchaustausch usw. Am liebsten war mir aber der Übergang zum Betrieb mit dem Spezialnachrichtengerät. Da brauchte ich die Frequenz nur noch zu überwachen und auf „SK“ (Schluss des Funkverkehrs) zu warten. Die EKs sagten mir, dass wir das lernen müssen, denn wenn sie weg sind, ist keiner mehr da, der das kann. Genau so sollte es auch kommen.

 

Bunkeröffnung 2005: Die Funkzentrale von VISA-1

 Die Qualität des Videos ist leider durch ein defektes LNB etwas eingeschränkt.

 

Irgendwann kam ich dann endlich in eine Schicht mit den Funkern meines Diensthalbjahres. Ich kann mich noch schwach an einen Wachleiter erinnern, dem die Arroganz schon im Gesicht geschrieben stand. In einer Schicht sollte sein bester Kumpel die 010 abarbeiten und dafür einen Tag "S" erhalten. Die 001 lief zu diesem Zeitpunkt schon regulär. Ich arbeitete in dieser Schicht an der 008 und bekam zuerst nur wenig davon mit, was an der 010 vor sich ging. Beide Plätze lagen etwas weiter auseinander und saßen auch noch Rücken an Rücken. Und nun kam mir der Satz meines inzwischen entlassenen Wachleiters ins Gedächtnis: „Ihr müsst das lernen ...“ Der eingesetzte Funker hatte kaum Betriebserfahrungen. Irgendwann war es an dem Platz so laut, dass ich die Zeichen der Dienstsignale auch hören konnte. Ich dachte so bei mir, ist doch normal "Gehen sie über auf Arbeit mit Spezialnachrichtengerät". Das hatte ihn wohl irritiert. Dazu kam, dass man die eigenen Signale in der Funkrichtung nicht hören konnte. Es hagelte Funkverstöße. Schlechte Gebeweise, Dienstsignale nicht ordnungsgemäß quittiert, Spruch fehlerhaft aufgenommen. Innerlich tat er mir leid. Plötzlich erschien der DNZ in der Zentrale und kurz danach kam per Funk die Q-Gruppe, welche von uns am meisten gefürchtet war: QXX - Sie gewährleisten keinen normalen Funkbetriebsdienst, ablösen. Der Wachleiter meinte in seiner unverwechselbaren Überheblichkeit: „Na und, dann setze ich den nächsten ran und lasse den auch ablösen.“ Dabei deutete er auf mich. Etwas Zeit zum Sammeln hatte ich noch, denn der zweite 008 Funker musste erst geholt werden. Ich wechselte den Arbeitsplatz und hörte im Kopfhörer schon die Zeichen nw? nw?  (fortsetzen?). Meine Bestätigung lautete: nw er qrv (nun wieder bereit) und schrieb einen Funkspruch auf. Danach gab es den Übergang zum Sprechfunkbetrieb, über 100 Gruppen und die waren zu wiederholen. Das war ein fürchterliches Gequatsche, aber der Funker bei Wostok hatte wohl ein Einsehen und hat mich nach etwa der Hälfte des Spruchs unterbrochen und den Betrieb beendet. Das Betriebsbuch in dem der Vorgang protokolliert wurde, bekam keiner mehr zu sehen. Ich weiß aber von einem Bekannten, der die Bunkeröffnung vom BBN mitgemacht hat, dass dieses Betriesbsbuch mit allen Eintragungen überlebt hat und 2007 noch immer in der berühmten grünen Kiste unter dem 019 Platz gelegen hat. Bleibt mir noch nachzutragen, dass mich nach Schichtende unser Zugführer zur Seite nahm und sagte: „Kannst bald wieder nach Hause fahren, such dir mal ein Wochenende aus!“

 

Im Altbau hatten alle Gänge und Räume eine Röhrenform.